Wir erfreuen uns jeden Abend in den ‚tagesthemen‘ an den Helden, die uns dieser Tage vorgestellt werden. Es sind so viele Menschen, die durch ihre Arbeit und ihr Engagement dazu beitragen, dass wir alle in einem sehr veränderten Rahmen ein halbwegs geordnetes Leben führen können – auch hier in den USA.

In meinem persönlichen Alltag bin ich dankbar, dass Lebensmittelläden, Tankstellen und einige Campingplätze weiterhin geöffnet haben. Die Mitarbeiter hier erlebe ich in diesen Tagen sehr freundlich und hilfsbereit. Das rührt mich sehr. Zudem heißen sie uns nach wie vor herzlich Willkommen, sind interessiert, wo wir herkommen, unterstützen uns und sind geduldig, wenn wir aus Unkenntnis mehr Fragen als andere haben.

Wir leben hier einen sehr besonderen Alltag – einen, den ich als luxuriös bezeichnen würde. Lediglich einem Ziel näher kommen zu müssen, ist ein geringes Problem – dessen bin ich mir sehr wohl bewusst. Und doch sind unsere Tage im Moment sehr anstrengend und schlauchend.

 

Mein persönlicher Held in diesem speziellen Alltag ist Manfred

Seit vorletztem Samstag fährt Manfred, mit Ausnahme unseres eingelegten Ruhetages, täglich zwischen sieben und neun Stunden quer durch die USA. 4229 Kilometer sind wir unserem Ziel seither mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 70 km/h näher gekommen.

Manfred muntert mich schon am frühen Morgen auf, in dem er zB zur Musik auf WDR2 tanzt, alles so nimmt wie es kommt, Mut und Zuversicht spendet und Optimismus versprüht. Ich bin durchaus auch zuversichtlich, dass wir es schaffen, neige aber dazu, mich zwischendurch mit dem  „Worst case“ zu beschäftigen.

Seit Tagen sitze ich auf dem Beifahrersitz und lasse die sich verändernde, wunderschöne Natur an mir vorbeiziehen. Der Frühling gibt dem ganzen eine besondere Note, lässt Kakteen, eine Vielzahl von Pflanzen, Büschen und Bäumen erblühen. Die Natur trotzt der Pandemie, zeigt sich unberührt und unerschütterlich. Ich erlebe sie in diesem Tagen als etwas sehr Wertvolles und Tragendes.

Während ich diese Zeilen schreibe, kommt mir wieder ein Gedicht in den Sinn, das ich so liebe:

 

Über die Geduld

Man muss den Dingen

die eigene, stille
ungestörte Entwicklung lassen,
die tief von innen kommt
und durch nichts gedrängt
oder beschleunigt werden kann,
alles ist austragen – und
dann gebären…
 

Reifen wie der Baum,
der seine Säfte nicht drängt
und getrost in den Stürmen des Frühlings steht,
ohne Angst,
dass dahinter kein Sommer
kommen könnte.

Er kommt doch!

Aber er kommt nur zu den Geduldigen,
die da sind, als ob die Ewigkeit
vor ihnen läge,
so sorglos, still und weit…

Man muss Geduld haben

Mit dem Ungelösten im Herzen,
und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben,
wie verschlossene Stuben,
und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache
geschrieben sind.

Es handelt sich darum, alles zu leben.
Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich,
ohne es zu merken,
eines fremden Tages
in die Antworten hinein.

Dieses Gedicht von Rainer Maria Rilke ist so zeitlos und für mich jetzt wieder hochaktuell. In diesem Sinne, bleibt gesund, geduldig und hoffnungsfroh.

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