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Auf WIEDERSEHEN Vietnam

Das hätte ich nicht erwartet

Obwohl wir unseren Reisepass tauschen müssen, sind Aus- und Einreise so gut organisiert, dass die Formalitäten nicht länger dauern, als bei einem Flug. Und ehe wir uns versehen, sind wir unterwegs mit Kurs auf Saigon – wie auch schon in Kambodscha auf der rechten Straßenseite.

Ich weiß nicht, was ich erwartet habe – aber sicher kein so modernes Land. Alles wirkt einladend, überwiegend sauber, Straßen und Häuser sind in einem gepflegten Zustand.
Bei der Einfahrt in Saigon fahren wir auf mehrspurigen Straßen, auf denen jeweils eine Spur den vielen, vielen Mopeds vorbehalten ist. Noch nie habe ich so viele Mopeds gleichzeitig eine Kreuzung queren sehen.

Ich bin von der ersten Minute an begeistert von Vietnam und bleibe es drei Wochen lang.

Unterwegs in einem jungen Land

Hanoi ist quirlig, pulsierend und wie ich später erfahre, das wirtschaftliche Herz den Landes. Selbst in Zeiten von Corona ist die Wirtschaft Vietnams laut Reiseleiter um acht Prozent gewachsen. Nicht, dass ich stetes Wirtschaftswachstum als ultimatives Ziel sehe, aber ich habe den Eindruck, dass es Vietnam aktuell gut tut.

Auf unserem Weg vom Süden in den Norden erleben wir die eine oder andere Provinzhauptstadt. Auch hier sehen wir moderne Städte voller Leben. Die Vietnamesen gehen gerne aus, sitzen in Gruppen zusammen, sind gesellig, wirken lebensfroh. Das ist eine Lebensart, die ich sehr mag. Es ist ein bisschen wie aktuell in unserem Wanderdorf. Wenn ich möchte, finde ich immer Anschluss oder ein Trüppchen, dass gerade das macht, worauf ich Lust habe. Wenn ich mal keine Lust auf Geselligkeit habe, ist das auch okay. 

Insgesamt ist Vietnam ein junges Land, auch was den Altersdurchschnitt anbelangt. Ich haben den Eindruck, dass Vietnamesen Lust auf Entwicklung haben, hungrig sind auf Fortschritt, anders als ich es z.B. in Indien erlebt habe. 

So steht einer dynamische Entwicklung in den nächsten Jahren  sicher nichts im Wege. Schon vor zwei Jahren hatte ich die Empfehlung gelesen, in Vietnam EFT’s zu investieren. Hätte ich mal nicht alle wieder verkauft, als ich vor drei Jahren einen Ausflug an die Börse gemacht habe, um einen Teil meiner Rente gewinnbringend anzulegen. Letztlich waren mir die Kurse zu dynamisch, um Geld anzulegen, das ich zum Leben benötige.

Kommunismus light?

Meine Vorstellung von kommunistischen Staaten rührt aus der Zeit Ende der achtziger Jahre, als ich im Rahmen des Jugendaustausches die Sowjetunion besuchte. Lange wurden wir auf diese andere Welt vorbereitet, in der es viel strenger zuging und wir uns in den ersten Jahren nur auf vorgegebenen Wegen in der Gruppe bewegen durften.

Vorträge über Planwirtschaft und zentrale Steuerung habe ich noch im Ohr, die Besuche von Kolchosen und staatlichen Produktionsstätten vor Augen.

Was ich hier erlebe, entspricht in keiner Weise dem Bild von Kommunismus, das ich abgespeichert habe. Offensichtlich hat es – zumindest hier in Vietnam – eine enorme Entwicklung hin zu sozialer Marktwirtschaft, Öffnung und Globalisierung gegeben. Kontrolle und strenge Vorgaben erlebe ich hier nicht, gleichwohl wir etliche Guides haben, uns die Stellplätze nicht aussuchen dürfen und im Gruppenverbund bleiben müssen. Damit kann ich hier gut leben. Was es für den einzelnen bedeutet, in diesem System zu leben, davon erfahre ich wenig. Ich habe jedoch nicht den Eindruck, dass die Menschen hier eingeschüchtert, vorsichtig oder deprimiert sind.

Mir ist jedoch noch einmal klar geworden, dass es die beste Lösung irgendwie nicht gibt, Liberalismus und Kapitalismus genauso an ihre Grenzen stoßen, wie kommunistische Planwirtschaft und Einparteiensysteme. Über die Jahre haben die Systeme sich aufeinander zu bewegt. Ich bin sehr gespannt, wo die Reise noch hinführt.

Vietnam schmeckt gut

Auf unserem Weg durchs Land gehörten etliche Menüs zum Programm. Ich war gespannt auf das Essen hier. Uns wurde erzählt, dass manche Touristen eigens wegen der guten Küche ins Land kämen. Das kann ich jetzt gut nachvollziehen. Selten auf der Reise habe ich durchgehend so gut gegessen. Leichte, gesunde Kost, geschmackvoll zubereitet, würzig, aber nicht zu scharf. Oftmals waren es acht Gänge. Meist eine Suppe, Frühlingsrollen und dann Fisch, Fleisch und Hühnchen, angemacht mit einer entsprechenden Sauce und Gemüse, dazu Reis. Zum Nachtisch oftmals frisches, saisonales Obst, also Wassermelone, Mango, etc. 

Auch einen besonderen Kaffee habe ich probiert, den sogenannten Eierkaffee. Erst konnte ich mir darunter gar nichts vorstellen und war skeptisch. Aber was soll ich sagen? Wer nicht probiert, dem entgeht was. Das Eigelb wird mit Zucker schaumig geschlagen und bildet letztlich die Schicht über dem Kaffee. Was ursprünglich als Milchersatz diente, ist heute eine kulinarische Köstlichkeit.

Lichterfest

In Hoi An erleben wir abends in der Altstadt ein Meer aus bunten Lichtern. Einmal im Monat – in Abhängigkeit vom Mondkalender – werden alle bunten Lampions, die die Stadt ohnehin schon zieren, beleuchtet. Auch wenn das Spektakel an Kitsch grenzte und sehr touristisch aufgezogen ist, hat es mich doch ein wenig verzaubert. Die unzerstörte Altstadt mit ihren kleinen und meist nur zweistöckigen Gebäuden, am Fluss gelegen, hat den Eindruck sicher noch unterstützt.

Indochina-Krieg

Die gesamte Region hier ist sicher gezeichnet und geprägt vom Indochina-Krieg. Wir besuchen gleich zwei Museen zum Thema. Eines in Saigon, eines in Dien Bien Phu. Wie auch schon in Kambodscha ist es verstörend zu sehen, was Menschen einander antun können. Eindrücklich in Erinnerung geblieben ist mir das Bild eines behinderten Kindes, dass 2007 zur Welt kam und immer noch unter den Folgen des Entlaubungsmittels Agent Orange litt, das im Vietnamkrieg eingesetzt wurde. Ich hätte nie gedacht, dass dies über Generationen ein Thema sein könnte.

In meiner Grundschulklasse war ein Junge aus Vietnam, der ohne eine Operation seine Kriegsverletzungen nicht überlebt hätte. Er kam ins Friedensdorf nach Oberhausen und überlebte dank Operation und Beinprothese. Bei der Abschlussfeier im vierten Schuljahr war er mein Tanzpartner. Zum Martinsumzug hatte er mit unserer gesamten Klasse Laternen aus Bambus gebaut. Noch heute bin ich meiner Lehrerin dankbar, dass sie das Material besorgt hat und er uns, als Zehnjähriger, alle anleiten durfte. In jenem Jahr hatten wir die außergewöhnlichsten und schönsten Laternen von allen! Daran denke ich bis heute gern zurück.

Seit meiner Grundschulzeit hatte ich den Wunsch, Vietnam eines Tages zu besuchen. Das es so lange dauern und ich hier mal „hinfahren“ würde, wer hätte das gedacht?!

Der Mix macht’s

Mit dem eigenen Wohnmobil durchs Land zu fahren, ist schon etwas Besonderes. Auch wenn wir in den Städten ein eher touristisches Programm machen, leben wir unterwegs parallel Alltag, gehen Essen, Einkaufen, machen Besorgungen aller Art und pausieren an ausgesuchten Stellen. 

Insgesamt erfreuen wir uns an der abwechslungsreichen Landschaft und der damit verbundenen unterschiedlichen Lebensart.

Das Leben im Mekongdelta (hier sind wir mit Booten und Fahrrad unterwegs) mit seinen Wasserstraßen hat seinen Reiz, aber auch das klimatisch kühlere, zentrale Bergland bei Da Lat. Die  kurvenreiche Küstenstraße mit ihren Pässen und den zahlreichen Fischerdörfern übt auf mich einen besonderen Charme aus. Die Ha Long Bucht spricht für sich. Die Nacht auf dem Wasser und das Paddeln um die kleinen Inseln herum bleiben unvergessen. Und letztlich verzaubern mich die Reis-Terrassen im Norden, die ich insbesondere mit Vietnam verbinde.

Naturverbundene Volksgruppen im Norden

In Hanoi besuchen wir das Volksmuseum, dass auch ein Freilichtmuseum ist. Im Hof sehen wir die architektonische Bauweise der Häuser durch die Jahrhunderte. Wie auch in Europa, wurden Häuser oftmals so gebaut, dass es möglich war, in ihnen zu arbeiten und zu leben. Auf eine Art haben Manfred und ich das ja auch über Jahre so praktiziert.

Im Norden sehen wir, dass es zahlreiche Dörfer gibt, in denen Menschen noch heute in einer modernen Form dieser Häuser leben – in auf Stelzen gebauten Holzhäusern, deren Wände oftmals aus Bambusgepflecht bestehen. Bei den Temperaturen sorgen sie sicher für eine gute, stete Durchlüftung und bieten zudem nicht zu viel Widerstand bei Sturm.
Lehmverputzte Häuser sind oftmals die Alternative zu der traditionellen Bauweise. Mir gefällt die Verwendung natürlicher Baumaterialien.

Vietnamesische Seide

Im Reiseführer steht, dass man sich insbesondere in Hanoi Kleidung schneidern lassen kann. Da ich in Indien aufgrund von Corona nicht mit zum Schneider konnte, versuche ich hier mein Glück und werde fündig. Eine junge Schneiderin näht mir über Nacht zwei dreiviertellange Hosen aus Baumwolle, die ich bereits als Tempelhose eingeweiht habe. Bei Besichtigungen müssen die Knie stets bedeckt sein. Da ich nur kurze und lange Hosen dabei habe und etliche lange Outdoorhosen gestohlen wurden, bin ich nun gut gerüstet.

Außerdem haben Manfred und ich uns zudem jeder einen neuen Bademantel aus Seide gegönnt. Sie sind warm, lang und für Minimalisten mit Tinyhausambitionen auch noch platzsparend. 

Das neue Normal

Für uns als Wohnmobilisten haben sich die Bedingungen langsam, aber merklich verändert. Durch die Verschiffung haben wir Zeit verloren und kommen jetzt überall in die heißeste Zeit des Jahres. Natürlich bedeutet das auch, dass weniger Touristen unterwegs sind. Aber das gleichbleibend heiße Wetter mit weit über 30 Grad, gepaart mit zeitweiser sehr hoher Luftfeuchtigkeit, fordern uns schon sehr. Kaum eine Nacht schlafe ich durch, wache mehrfach klitschnass geschwitzt auf und auch über Tag wird die Kleidung kaum noch trocken – so sehr schwitzen wir. Streckenweise gehe ich so gut wie gar nicht mehr zur Toilette, eine ganz neue Erfahrung.

In den ersten sechs Nächten haben wir zudem auf sehr lauten Stellplätzen gestanden, was dazu geführt hat, dass ich tagsüber die eine oder andere Information einfach hab an mir vorbeiziehen lassen oder am frühen Abend völlig übermüdet über meinem iPad beim Fotobearbeiten eingeschlafen bin. Zwei neue Erfahrungen, die mir wieder einmal vor Augen führen, wie gut wir es zuhause haben.

Man sieht sich immer zweimal

Vietnam ist das erste Land auf dieser Reise, von dem ich spontan sagen würde, dass ich noch einmal wiederkomme.

In diesem Sinne
auf WIEDERSEHEN Vietnam

Eure Saradevi
Luang Prabang, 21.04.2023

Unsere Reise durch Vietnam & Laos im April 2023

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